Mein Bücherblog

 

T.C. Boyle – Grün ist die Hoffnung

 

 

dtv
ISBN 978-3-423-20774-4
Rezension vom Jänner 2026

Das Titelbild der deutschen Ausgabe gibt schon viel vom Inhalt preis – Hanfblätter. Beim ersten Anlauf hab ich das Buch wieder weg gelegt, zu schwierig fand ich mich in die Stimmung und die Welt ein, in der die Handlung spielt. Erst in der zweiten Runde hab ich mich bewusst drauf eingelassen und zur Kenntnis genommen – hier kann und muss ich völlig unvoreingenommen reingehen – und siehe, ich konnte das Buch nicht mehr weglegen. 


Drei schräge Typen versuchen, in den Bergen nördlich von San Francisco Marihuana anzubauen. Sie arbeiten für einen Geldgeber, der möglichst im Hintergrund bleiben will. Antrieb ist, endlich einen größeren Batzen Geld in die Hand zu bekommen, der jedem von ihnen helfen wird, seinen Traum wahr zu machen. 


Sie kommen aus der Stadt, begegnen dem Dorfleben vor Ort mit seinen Strukturen ahnungslos. Es ist ein Experiment, der Kampf mit der Natur und den örtlichen Begebenheiten, den Menschen vor Ort und natürlich dem Gesetz, Marihuana ist schließlich nicht irgendein Pampasgras. 


Viele Menschen begegnen einander in dem Buch und jeder einzelne und auch jede einzelne ist eine schräge Type für sich. T.C. Boyle begegnet den Menschen mit Respekt, er wertet nicht, nicht einmal den erklärten Antihelden, den Dorfpolizisten. Jedes Verhalten erscheint in sich schlüssig, die Handlung entwickelt sich logisch. Und das Buch ist spannend, von der ersten bis zur letzten Seite. Es sind Begebenheiten, die jedem von uns nachvollziehbar sind, die Rattenplage in den Pflanzungen, der seltsame Nachbar, die Polizei, schließlich ein Feuer. Es braucht keine wilden Verbrecher, Mörder, Aliens um die Spannung zu halten. Das vor allem macht für mich den Reiz des Buches aus. 
Und eine wunderbare Liebesgeschichte ist der Zuckerguss in dieser recht männerlastigen Gesellschaft. 


Woran man sich gewöhnen muss, ist die bildreiche Sprache. Boyle lebt von bildhaften Vergleichen, wenn er Situationen, Stimmungen, Geräusche beschreiben will. Da gibt es manchmal einen Overkill – sei ihm verziehen. 

 

Angela Szivatz – Tödliches Gspusi

 

 

Gmeiner Verlag

 

ISBN 978-3-8392-0827-4

 

Erscheinungsdatum 12.03.2025 

Rezension vom Mai 2025

 

Der Erstlingskrimi meiner Theaterkollegin Angela Szivatz macht Spaß beim Lesen. Was anfänglich als leicht plätschernder Gesellschaftsroman daherkommt wird schließlich eine schöne kompakte Geschichte. Das spezielle daran sind in erster Linie die gut gezeichneten Charaktere. Jede und jeder einzelne entsteht als Bild im Kopf, das keineswegs übereinstimmt mit den Damen am Cover. Man freut sich über das Lokalkolorit und die gut recherchierten Details, aber auch über den Schreibstil. Endlich wieder ein Buch, bei dem man als Leser nicht beständig durch Grammatik-, Rechtschreib- und Formulierungsfehler aus dem Lesefluss gerissen wird. Es ist spannend, ohne ein Reißer zu sein und das Ende absolut stimmig, doch das darf hier natürlich nicht gespoilert werden. Die langen Jahre des Theaterspielens der Autorin haben sich wohl auch in der guten Dramaturgie der Geschichte niedergeschlagen.

 

Als österreichische Native-Speakerin hat man allerdings etwas Mühe, sich durch die kursiv geschriebenen Mundart-Ausdrücke nicht aus der Konzentration reißen zu lassen. Aber das ist wohl nötig als Zugeständnis an einen doch beträchtlich größeren Teil der Leserschaft, die das Buch vielleicht als Einstimmung zu einem Salzkammergut-Urlaub in die Finger bekommt.

 

Mir hat das Buch jedenfalls durch eine schlaflose Nacht geholfen, und das will was heißen.

 

 

Elke Heidenreich – Alte Liebe
Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-18749-2
Rezension vom Jänner 2025
Ich gebe zu, ich hatte eine Bildungslücke mit dem Namen Elke Heidenreich. Nachdem ich das Buch als Stück dramatisiert im Rahmen eines kleinen Kellertheaters gesehen hatte, wollte ich das Original lesen. Es hat sich ausgezahlt. Völlig unaufgeregt, geradezu nüchtern erzählt die Autorin einige Wochen aus dem Alltag einer langjährigen Beziehung.
Es gibt eine Rahmenhandlung – die gemeinsame Tochter heiratet zum dritten Mal und die beiden hegen sehr ambivalente Gefühle bei dem Gedanken, zu dieser Hochzeit zu fahren. Die Kapitel sind alternierend der innere Monolog der Frau, dann der innere Monolog des Mannes und dann wieder das reale Gespräch der beiden zum Thema.
Als Leser fällt es leicht, die Motive und Sichtweisen der beiden Protagonisten nachzuvollziehen. In den Gesprächen und Gedanken erschließt sich die Vergangenheit und die Gegenwart des Paares. Heidenreich wertet nicht, sie deutet nicht und schon gar nicht erhebt sie den mahnenden Zeigefinger. Sie erzählt einfach. Und das tut sie perfekt, immer schlüssig und klar.
Als Leserin fühlt man mit den beiden mit, insbesondere, wenn man selbst altersmäßig aktuell betroffen oder schon älter ist als die beiden. In einem jungen Menschen kann die Geschichte sicherlich das häufig so schwierige Mitgefühl mit den Eigenheiten der eigenen Altvorderen ermöglichen.
Das Buch ist, wie das Leben eben so ist, lustig, traurig, sentimental, fröhlich – und in jedem Abschnitt spürt man immer eines durch – die beiden haben einander immer geliebt und es ist die Liebe und das Verständnis füreinander, das sie durch alle auf und abs immer wieder zusammenführt. Und das hinterlässt ein gutes Gefühl. Alte Liebe ist möglich, und sie ist schön.

 

 

 

Alfred Woschitz – Nur noch zwölf Tage



Verlagshaus Hernals

ISBN 978-3-903442-58-0

Rezension vom April 2024

 

 

Das Büchlein hat man schnell gelesen. Wirklich gut und lebendig geschildert ist das Schicksal der Familie im Dorf, die alle ihre Söhne an die Front schicken muss und von denen einer, nämlich Alfred, der Onkel Alfred des Autors mit gleichem Vornamen, dann noch zuletzt im Feld vermisst bleibt. Durch Zufall kommt Neffe Alfred in die Gegend des Soldatenfriedhofs, den er besucht und für sein Gefühl einen Kreis schließt.

 

Das Buch ist gut und flüssig zu lesen, allein – im Endeffekt ist es für den/die LeserIn, die nicht so emotional involviert ist wie der Autor, bei weitem nicht so ergreifend. Alles in allem hätte man den Inhalt auch gerne kompakt in einer guten Zeitschrift als Zeitdokument lesen wollen.

Wer sich allerdings auch für die Zeitgeschichte Armeniens erwärmt und eine Vorstellung der Sowjetunion zur Zeit Gorbatschows hat, wird auch an den Details der Schilderung aus den 80er Jahren seine Freude haben.

 

Laetitia Colombani -Der Zopf
 
Fischer Taschenbuch Verlag
ISBN 978-3-596-52266-8
Rezension vom März 2024
Erscheinungsdatum 23.10.2019
Drei Frauenschicksale, die sich erst gegen Ende zu dem im Titel versprochenen Zopf zusammenfügen.

Drei Frauen im Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung, eine Inderin, eine Italienerin, eine Kanadierin aus verschiedensten sozialen Schichten stehen an einem Wendepunkt in ihrem Leben. Ob sie letztendlich gewinnen, wird das Schicksal zeigen, aber im Buch beweisen sie Mut. Viel Mut. Die Lebenswelt der Inderin ist für die durchschnittliche Europäerin vermutlich immer noch unvorstellbar, die der Sizilianerin vermutlich leichter nachzuvollziehen, bei der Kanadierin fühlt man mit als bekäme man eine zahnärztliche Behandlung geschildert.

Obwohl es für meinen Geschmack ein paar direkte Reden vertragen hätte – dass es keine gibt, ist aber vermutlich von der Autorin bewusst gewählt - ist es ein lebendiges Buch, das man erst aus der Hand legt, wenn der Zopf geflochten und mit einem Haarband fixiert ist.

 

 

Olga Tokarczuk - Gesang der Fledermäuse

 

 

Herausgeber ‏ : ‎ Kampa Verlag; 1. Edition (28. November 2019)
ISBN-10 ‏ : ‎ 3311100220     ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3311100225

Rezension vom März 2024

 

 

Ich war mit dem Lesen des Buches sehr schnell durch. Das spricht für das Buch. Ich konnte mich mehr mit der Protagonistin identifizieren als ich vor mir selber zugeben wollte. 

 

Jedenfalls ist das Buch gut geschrieben, es ist spannend und leitet die eigenen Gedanken in eigentümlich Bahnen. Natürlich geht in erster Linie um den missachtenden Umgang mit Tieren. Es geht damit aber auch um Rache, Gerechtigkeit und um Selbstgerechtigkeit. Die vielen Ebenen von Liebe und Freundschaft. Um Solidarität. Man muss kein Vegetarier sein, um die Wut der Ich-Erzählerin nachvollziehen zu können.
 

Mit dem Handlungsort – einer einsamen Gegend im Grenzgebiet zwischen Polen und Tschechien, wo die Technik oft verrückt spielt und das Treiben der Welt trotz Internet und Nachrichten verdammt weit weg ist, gelingt das gedankliche Loslösen von uns selbstverständlichen Werten und Normen leicht.

Das Buch ist keine leichte Kost, aber es zu lesen sicher kein Fehler. Ach ja, und ich werde jetzt mal Blake googeln.